Puzzles sind pädagogisch wertvoll: Spielpädagogik-Professor Dr. Ulrich Heimlich im Interview

Prof. Ulrich Heimlich: Interview zum Thema Puzzeln

Immer wieder werden dem Puzzeln positive Effekte auf die Entwicklung, insbesondere von Kindern, zugeschrieben. So soll das Legen eines Puzzles etwa die Geduld fördern oder auch besonders schlau und fingerfertig machen. Aber was genau ist da eigentlich dran? Wir haben jemanden gefragt, der es wissen muss: Prof. Dr. Ulrich Heimlich ist Lehrstuhlinhaber für Lernbehindertenpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er hat mit seinem Buch << Einführung in die Spielpädagogik >> ein Standardwerk in eben diesem Bereich verfasst. Im Interview mit uns erklärt er, worin der genaue pädagogische Wert von Puzzles besteht.

Guten Tag Herr Professor Heimlich. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für unsere Fragen nehmen. Können Sie uns zu Beginn bitte sagen, inwiefern das Legen eines Puzzles Kindern dabei hilft, ihre Aufmerksamkeit und Konzentration zu trainieren?

Kinder beim PuzzelnZunächst fordert das Legen eines Puzzles die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit von Kindern. Sie müssen nicht nur das Bildmotiv insgesamt speichern und mit dem jeweiligen Detail abgleichen, sondern auch die jeweilige Passform des einzelnen Puzzleteils berücksichtigen. Es kommt also darauf an, dass Kinder ihre Aufmerksamkeit auf viele visuelle Details fokussieren und diese in ein Gesamtbild einfügen. Wer Kinder beim Puzzeln beobachtet, kann erkennen, wie tief sie sich auf die Fertigstellung eines Puzzles einlassen müssen. Sie blenden dann alle anderen Störreize aus und konzentrieren sich nur auf die vor ihnen liegende Aufgabe. Gerade in einer Zeit, in der immer mehr Aktivitäten gleichzeitig ablaufen sollen, bieten Puzzles deshalb eine gute Möglichkeit sich auf eine Aktivität zu konzentrieren.

Werden darüber hinaus weitere Fähigkeiten beim Puzzeln gefördert?

Gedächtnistraining beim PuzzelnDie Lösung eines Puzzles nehmen sich Kinder in der Regel aus eigenem Antrieb vor. Es ist nicht sinnvoll, Kinder zum Spiel mit einem Puzzle zu zwingen. Die Motivation zum Puzzeln kommt also idealerweise von den Kindern selbst. Die sich dabei entwickelnde intrinsische Motivationshaltung, die Fähigkeit also, ein Puzzle aus eigenem Antrieb heraus lösen zu wollen, schafft sehr günstige Voraussetzungen für weitere Lernprozesse. Die Struktur von Puzzleaufgaben kann darüber hinaus in vielen Lernaufgaben in der Schule und sogar in psychologischen Tests wie Intelligenztests wiedergefunden werden. Kinder, die im Puzzeln geübt sind, haben auch beim Lernen in der Schule Vorteile. Außerdem hat die Spielforschung gezeigt, dass Puzzles das räumliche Denken schulen.

Sehen Sie Zusammenhänge zwischen Lernspielen wie dem Puzzeln und der Gedächtnisentwicklung von Kindern?

Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie rasch bei vielen Kindern ein Übungseffekt im Puzzeln eintritt. Haben sie erst einmal kleine Puzzles mit wenigen Teilen erfolgreich gelöst, wagen sie sich auch eher an Puzzles mit mehr Teilen heran. Insofern ist es durchaus naheliegend anzunehmen, dass das Gedächtnis beim Puzzeln eine Rolle spielt und gefördert wird. Allerdings gibt es auch hier wieder Altersunterschiede. Bei Dreijährigen dominiert noch häufig das Prinzip „Versuch und Irrtum“, das heißt sie probieren einfach aus, ob Puzzleteile passen oder nicht. Diese Strategie wirkt sich nicht so nachhaltig auf Gedächtnisprozesse aus. Andere Strategien der Lösung von Puzzles (Gesamtbild heranziehen, Farbe und Form der Puzzleteile berücksichtigen) haben durchaus Auswirkungen auf die Gedächtnisleistung.

In letzter Zeit werden immer komplexere Spiele entwickelt, beispielsweise im Bereich spezieller Lernsoftware. Halten Sie solche Spiele für sinnvoll oder sind einfache, klassische Spiele, zu denen auch Puzzles zählen, genauso oder vielleicht sogar wertvoller für Kinder?

Computer- und auch internetbasierte Lernsoftware hat sich in den letzten Jahren sprunghaft entwickelt. Dabei muss durchaus anerkannt werden, dass die Vorteile dieses Mediums im Bereich der graphischen Gestaltung und der Interaktivität für Kinder eine hohe Attraktivität beinhalten. Außerdem sehen auch Kinder sehr früh, welch hohe Bedeutung Computer im Leben der Erwachsenen haben. Die Fähigkeit einen Computer zu bedienen und das Internet nutzen zu können zählt heute neben Lesen, Schreiben und Rechnen schon zu den wichtigsten Kulturtechniken. Gleichzeitig sollten die Grenzen dieses Mediums bewusst bleiben. Computer können die sinnlichen Erfahrungen mit Spielzeug nicht ersetzen. Puzzleteile haben unterschiedliche Formen, die man mit den Händen ertasten kann. Sie haben ein Gewicht, eine Oberfläche, sie riechen und fühlen sich gut an. Das alles kann der Computer nicht bieten. Deshalb sollten Eltern ihren Kindern immer wieder Alternativen zur Nutzung von neuen Medien wie Computer und Fernsehen bieten und das selbsttätige Spiel mit Spielzeug wie z.B. Puzzles anregen.

Was halten Sie von der Idee, Kindern ein Fotopuzzle legen zu lassen? Als Motiv ist etwa ein Bild von den eigenen Eltern, Großeltern, dem Haustier oder vom Kind selbst zusammen mit einem Freund denkbar. Bietet der persönliche Bezug eines solchen Motivs einen Vorteil gegenüber „herkömmlichen“ Puzzle-Motiven?

Fotopuzzle mit eigenem MotivSicher bieten Fotopuzzles eine attraktive Möglichkeit, Kinder an das Puzzeln heranzuführen, ganz abgesehen davon, dass Fotopuzzles auch als Geschenke gern gesehen sind. Wenn dann noch Angehörige oder das eigene Haustier abgebildet sind, dann erhöht sich die Motivation zum Puzzeln zweifellos noch einmal. Kinder sollten aber hier auch möglichst in die Gestaltung einbezogen werden. Digitale Fotoapparate bieten heute auch für Kinder handhabbare Bedienungsmöglichkeiten, so dass sie ihre eigenen Fotos machen können und dann auch ihre eigenen Fotopuzzles gestalten können – sicher mit Hilfe ihrer Eltern. Möglicherweise entstehen dann auch ganz andere Motive für Fotopuzzles, die den Kindern wichtig sind. Im Spiel – auch mit Puzzles – ist es wichtig, dass Kinder ihre Phantasie mit einbringen können. Deshalb sollten Sie auch eigene Ideen verwirklichen können.Zum Fotopuzzle

 

Ab welchem Alter ist ein Kind in etwa dazu in der Lage, ein 24-teiliges Puzzle zu legen?

Genaue Altersangaben hier zu machen, fällt auch der modernen Entwicklungspsychologie schwer. Vieles hängt vom Interesse der Kinder und vom Vorhandensein von Spielzeug ab. Wachsen Kinder mit Puzzles auf, dann wird sich ihr Interesse vermutlich früher entwickeln. Auch das Interesse der Eltern am Puzzeln kann sich positiv auf das Interesse der Kinder auswirken. Einfache Puzzleaufgaben mit wenigen Teilen (zum Beispiel aus Holz) werden sicher von Kindern bereits im Krippenalter (0 bis 3 Jahre) richtig gelöst. Ein Fotopuzzle mit 24 Teilen stellt da schon eine größere Herausforderung dar. Außerdem ist zu berücksichtigen, welche Lösungsstrategie die Kinder anwenden: Sie können das Gesamtbild heranziehen, die Form der Puzzleteile oder auch die Farbe. Sie können aber auch einfach nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“ vorgehen. Letzteres wird von Kindergartenkindern (3 bis 6 Jahre) relativ früh versucht, wenn sie das Vorbild der anderen haben und diesen nacheifern wollen beziehungsweise ihr Interesse dadurch geweckt wird. Die Gefahr bei genauen Altersangaben besteht auch darin, dass wohlmeinende Eltern dann schnell eine Anforderung für ihre Kinder daraus machen, Kinder unter Druck setzen oder gar in Konkurrenz zueinander treten. Das ist aber dem selbsttätigen Spiel der Kinder eher abträglich.zum_fotopuzzle_24_teile

 

Eltern greifen beim Puzzeln oft ins Geschehen ein, wenn das Kind nicht selbständig vorankommt. Wie bewerten Sie das?

Kind puzzelt mit ElternKinder mögen es sehr, wenn ihre Eltern mit ihnen spielen. Das gilt auch für das Puzzeln. Wenn Eltern sich als gleichberechtigte Spielpartner in das Spielgeschehen hineinbegeben, ist das kein Problem. Im Gegenteil: Kinder empfinden das – vor allem bei größeren Puzzles mit vielen Teilen – als große Hilfe. Das gemeinsame Legen eines Puzzles kann auch ein schönes Gemeinschaftserlebnis in der Familie vermitteln. Eltern sollten sich allerdings davor hüten, das Kind beim Puzzeln zu bevormunden. Das Kind sollte die Chance haben, ein Puzzle selbst zu lösen. Möglicherweise benötigt es dabei mehr Zeit als Erwachsene. Aber diese Zeit sollte Kindern auf jeden Fall gegeben werden. Wenn sie Hilfe benötigen oder keine Lust mehr haben, dann können Eltern versuchen zu unterstützen. Aber entscheidend bleibt beim Spielen, was Kinder selbst daraus machen.

Vielen Dank Herr Professor Heimlich für diesen interessanten Einblick in den aktuellen Forschungsstand der Entwicklungs- und Spielpädagogik.

Weitere Informationen zu Prof. Dr. Ulrich Heimlich und seinen Publikationen finden sich auf der Website der LMU München.

Wir wussten es ja insgeheim schon immer: Puzzeln fördert die verschiedensten geistigen Fähigkeiten, gerade bei Kindern. Puzzeln trainiert aber auch die Feinmotorik und das Sehvermögen. Puzzeln als Form des Gehirnjoggings hält zudem geistig fit, auf einen Nenner gebracht: Puzzeln ist gesund. Doch eines sollten wir neben all der Wissenschaft nicht vergessen: Puzzeln macht einfach richtig viel Spaß.

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4 Kommentare zu “Puzzles sind pädagogisch wertvoll: Spielpädagogik-Professor Dr. Ulrich Heimlich im Interview

  1. Pingback: Fotopuzzle bis 2000 Teile | Größe der Puzzleteile

  2. Netter Beitrag. Wir gehen mit unserer Tochter gerne in den Tierpark. Als wir ihr ein Tierpark-Puzzle schenkten war sie begeistert. Es ist eines der Puzzle, die gestanzt sind und wo man die Puzzleformen auf dem Holzbrett eingedrückt sieht. Es hat 54 Teile, unsere Tochter ist jetzt 2 1/2 Jahre und mit etwas Unterstützung/Motivation meistert sie das Puzzle schon fast ganz alleine. Soviel zur Altersfrage…

    • Danke für die nette Rückmeldung. Ein Rahmenpuzzle mit Konturen ist sicher prima geeignet für kleinere Kinder. Wenn dann das Motiv noch interessant genug ist, stimmt auch die Motivation. Toll, wenn die eigene Tochter schon so früh fast im Alleingang das Puzzle meistert.

  3. Pingback: Was macht ihr wenn ihr kreativ seid? – Twins and More

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